15.02.2023

„Nie im Leben“ und andere Irrtümer


Ich mag keine Reiseenduros. Und KTMs finde ich hässlich. Trotzdem steht seit Samstag nun diese KTM 390 Adventure in meiner Garage. How come, Chief Willoughby? 

Vor ein paar Jahren hatte ich mit der Honda Transalp schon einmal die Erfahrung gemacht, dass diese Motorradgattung einfach am besten zu meiner Statur passt. Irgendwie war mir deshalb von Anfang an klar, dass mein nächstes Motorrad eine Reiseenduro werden würde. Doch reicht das schon als Erklärung aus, warum es unbedingt dieses Modell sein musste? Da bin ich euch als treuen Lesern dieser kleinen Seite doch etwas mehr schuldig, ich weiß. 

Also: Es war einmal ein Motorradfahrer, der sich gerne alle paar Jahre ein neues Motorrad kauft. Eigentlich liebt er klassische Naked Bikes und hat auch zwei davon (ein großes und ein kleines), aber da gibt es doch Situationen, in denen diese nicht die ideale Wahl darstellen. Beispielsweise für die Fahrt auf kleinen und sehr schlechten Straßen, vor allem, wenn die feste Asphaltdecke fehlt. Oder aber in Wetterlagen, in denen damit zu rechnen ist, dass hinterher unzählige Kühlrippen, Speichen und Chromteile geputzt werden müssen. 

Es bestand also wieder einmal eine Lücke im Fuhrparkt, und nur eine leichte Reiseenduro konnte sie füllen. Warum eine leichte? Nun, neben dem offensichtlichen finanziellen Aspekt war mir auch klar, dass ich mich mit einem zweirädrigen Fullsize-SUV auf kleinen Waldwegen keinesfalls sicherer fühlen würde als beispielsweise mit meiner Enfield. Leicht gleich einfach und sicher, und dass eine Leistung um die 50 PS mehr als ausreicht, um auf Landstraßen schnell genug voran zu kommen – wer wüsste das besser als ich.

Gebrauchtpreise in lächerlichen Höhen

Also nun: Scanne den Motorradmarkt und suche nach einer Reiseenduro mit rund 50 PS und gut unter 200 Kilogramm. Da gibt es gar nicht so furchtbar viel. Natürlich schaute ich zuerst auf den Gebrauchtmarkt, aber der Motorrad-Reisetrend der letzten Jahre hat dafür gesorgt, dass gerade dieses Segment wahnsinnig gefragt ist. Zusammen mit den Lieferschwierigkeiten auf dem Neufahrzeugmarkt sorgte das dafür, dass die Gebrauchtpreise in lächerliche Höhen gestiegen sind. Eigentlich gibt es gar keine Gebrauchtpreise mehr – die Bikes halten einfach ihren Neupreis. Ein Händler bot beispielsweise eine acht Jahre alte Honda NC 700 X für 5.700 Euro an – 300 Euro unter dem damaligen Neupreis!

Wenn man nicht mehr als, sagen wir, 3.000 Euro ausgeben will, dann taucht man schon tief ein in die 90er Jahre und darf sich wieder mit Vergasermotoren auseinandersetzen und viele zusätzliche Scheine für neue Reifen, Bremsschläuche und andere Teile bereithalten. Witzigerweise ist das einzige einigermaßen moderne Motorrad, dass es in ausreichender Stückzahl und zu moderaten Preisen gibt, eine BMW, und zwar die F 650 GS (die mit dem Rotax-Einzylinder). 

Trotzdem: Auch dies bleibt eine 20 Jahre alte Gebrauchte, und ich muss zugeben, dass mich der Gebrauchtkauf mittlerweile nervt. Es macht zwar Spaß, auf Mobile.de herumzusurfen, aber die nachfolgenden Kontakte mit den Verkäufern, Besichtigungsfahrten und abschließend der Transport des gekauften Motorrads fressen massiv Zeit. Vor allem, wenn man an einem Ort wohnt, an dem das Motorradangebot relativ dünn ist. 

Ein Beispiel: Ende letzten Jahres entdeckte ich eine ziemlich preisgünstig angebotene F 650 GS circa 90 Kilometer von Würzburg entfernt. Da ich ohnehin in der Gegend zu tun hatte, schaute ich mir das Motorrad an. Es hatte kein ABS (gut, das war mir schon beim Betrachten der Anzeige klargeworden), zog bei der Probefahrt nicht die Wurst vom Brot (vielleicht doch gedrosselt, ohne das der Besitzer es wusste oder sagen wollte), die Öldruckkontrolle ging während der Fahrt an, und der optische Zustand war bestenfalls Note 4.Früher hätte ich wahrscheinlich die Augen zugekniffen und die Kiste (oder eine andere, marginal bessere) trotzdem gekauft. 

Neu kaufen ist einfacher

Aber heute nicht mehr. Heute gehe ich zum Händler hier in Würzburg und kaufe mir was Neues. Man muss ja nicht bar bezahlen. Die Anzahlung und das, was ich in den kommenden zwei Jahren an Raten zahle, ist nicht mehr als der Preis einer abgerockten, 20 Jahre alten Gebrauchten. Und wenn nach zwei Jahren (oder drei oder vier, das kann man sich ja aussuchen) die Schlussrate droht, dann kann ich mir überlegen, ob ich sie zahle und das Bike behalte. Oder ob ich das Motorrad verkaufe. Wenn sich die Preise für junge Gebrauchte weiter auf dem „Fast-wie-neu“-Niveau halten wie aktuell, dann fährt man fast kostenlos. Reparaturkosten fallen auch kaum an, weil das Ding ja neu ist.

Tja, und so kam es, dass ich zu einer Neumaschine griff. Und warum zu einer 390er KTM? Nun, auch bei einer finanzierten Maschine muss ich natürlich gewisse monetäre Grenzen beachten. Viel mehr als 6.000 Euro sollten es nicht sein. In die ernsthafte Auswahl kamen die Honda CB 500 X und eben die KTM 390 Adventure. Die Honda bin ich schon mal als Testmaschine gefahren, und sie hatte mich echt überzeugt. Hochwertige Verarbeitung, gutes Design (für eine Reiseenduro), perfekte Ergonomie selbst für meine Größe, und ein kräftiger Motor. Eigentlich stimmt da alles. 

Aber irgendwie reizte mich die KTM doch mehr. Denn sie ist 25 Kilogramm leichter als die Honda, und sie hat einen Einzylinder. Und eine Garage ganz ohne Einzylinder, das geht einfach gar nicht. Ihr Kiska-Design sehe ich ja nicht, wenn ich draufsitze. Immerhin ist sie nicht ganz so hässlich wie ihre größeren Schwestern, und dazu wunderbar schlank.

Die kurze Heimfahrt vom Händler nach Hause ließ sich schon einmal vielversprechend an. Der Motor hat für 373 Kubik erstaunlich viel Druck, und über ihre Handlichkeit muss man angesichts von 172 Kilogramm vollgetankt wohl keine Worte verlieren. Sitzen tue ich auch gut angesichts von 855 Millimetern Sitzhöhe. Ja, das passt schon alles richtig gut.

Jetzt freue ich mich auf die Saison 2023. Erste Pläne sind gemacht – zuallererst die Brüdertour. Da die Brüder auch Reiseenduro (Yamaha Tenere 700) bzw. SUV (Honda NC 700 X) fahren, passt die kKeine konzeptionell ins Feld. Das ist auch wichtig! 

Und wenn mich nach zwei Jahren fragen sollte: „Was um alles in der Welt hast Du Dir dabei gedacht, eine KTM 390 Adventure zu kaufen?“, dann verkaufe ich sie eben wieder. Und überrasche mich mit der nächsten Maschine wieder selbst.

P. S. Die Royal Enfield wird übrigens nicht verkauft. Sie darf sich die nächsten beiden Jahre bei den Eltern in der Scheune ausruhen. Und dann sehen wir weiter. Und wenn ich noch ein wenig weiter in die Zukunft schaue, dann sehe ich einen gewissen jungen Mann, der in nur vier Jahren schon 18 wird und dann vielleicht ein gutes A2-Bike braucht.